
Georg Steidinger –
Contemporary Mixed Media Artist
In seinem Kreationsprozess verbindet Georg Steidingert zeitgenössische Malerei, Typografie, Siebdruck und Collage zu einer vielschichtigen Bildsprache
Vom ersten Pinselstrich zur fertigen Arbeit:
Georg Steidingers kreativer Prozess

Jedes Werk erzählt eine Geschichte
Zwischen malerischer Geste und typografischer Intervention, zwischen analogem Zufall und digitaler Vorstrukturierun: In seinem Konzept #4letterart, das längst über ein formales Spiel mit Vier-Buchstaben-Wörtern hinausgeht, manifestiert sich sein zentrales künstlerisches Anliegen: die Verschränkung von Sprache, Bild und Bedeutung zu einem poetisch-visuellen Vexierspiel.
Die Technik hinter der Tiefe:
Schicht für Schicht
Seine Werke entstehen schichtweise – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Acryl, Pigmente, Sand, Collagematerialien, LP-Cover, Plakate, Transferdrucke und Siebdrucktechnik werden in langwierigen Prozessen kombiniert, überarbeitet, verworfen und neu erschaffen.
Diese Vielfältigkeit der Materialien verleihen den Werken eine haptische Qualität und verstärken ihre narrative Ebene. Jedes Werk erzählt eine Geschichte – nicht nur durch Farbe und Form, sondern auch durch die Materialien und Texte, die Erinnerungen und kulturelle Bezüge mit sich tragen.

Mir Reduktion zur Vielfältigkeit
Kunst als Prozess des Entstehens und Verwerfens
Der kreative Prozess ist für ihn ein Weg, der von Experimenten, Fehlern und ständigen Überarbeitungen geprägt ist.
Charakteristisch für diese Arbeitsweise ist, dass viele Werke bewusst einen Zustand der Unvollständigkeit bewahren. Diese Uneindeutigkeit ist jedoch nicht Ausdruck eines Mangels, sondern ein ästhetisches Prinzip: „Ich liebe das Unperfekte“, sagt Steidinger – und macht damit deutlich, dass in der bewussten Fragmentierung und dem Nicht-Abgeschlossenen ein zentraler Teil seines künstlerischen Ausdrucks liegt.
Zwischen den einzelnen Arbeitsschritten lässt Steidinger seine Leinwände oft über Wochen oder Monate ruhen. In dieser Phase reflektiert er das bereits Geschaffene, nimmt Veränderungen vor und arbeitet weiter, sobald eine neue Idee ihn inspiriert. Dieser offene, mehrstufige Arbeitsprozess erlaubt es ihm, spontane Impulse, musikalische Inspirationen und emotionale Energie unmittelbar in seine Werke einfließen zu lassen.
Rohe Authentizität vs. Präzision

Auch wenn die finalen Arbeiten durch eine vermeintliche Einfachheit und transparent bestechen, liegt dahinter ein vielschichtiger, durchdachter Arbeitsprozess, der vor allem bei der Siebdrucktechnik keine Fehler zulässt und eine hohe Präzision erfordert.
Dabei verbinden sich Technik, Typografie und künstlerische Haltung zu vielschichtigen Bild- und Bedeutungsebenen - zum Beispiel bei der Serie "THE SIRENS".
Siebdruck: Ein komplexer Entstehungsprozess
Die Entstehung von Georg Steidingers Siebdruckarbeiten ist ein präzise choreografierter Ablauf, der weit über das Handwerkliche hinausgeht. Was am Ende auf der Bildfläche so klar, fast selbstverständlich wirkt, ist in Wahrheit das Resultat eines hochkomplexen Prozesses, der absolute Konzentration und kompromisslose Präzision erfordert. Jeder Arbeitsschritt wird bewusst inszeniert – nicht nur, um technische Perfektion zu erreichen, sondern um die künstlerische Aussage mit größtmöglicher Wucht zu entfalten.
Vom Motiv zur Vorlage
Am Beginn steht die Auswahl des Motivs, oft aus einer Sammlung von Fotografien, Zeichnungen oder Textfragmenten. Dieses Rohmaterial wird radikal reduziert – Steidinger übersetzt es in reines Schwarz-Weiß, entfernt jede Grauzone, bis nur noch scharfe Konturen und Flächen bleiben. Dieser Schritt ist bereits ein Akt der Rebellion: ein bewusstes Entziehen von Zwischentönen, um klare Kontraste zu setzen, die später im Siebdruck wie ein visueller Hammerschlag wirken.
Das so vorbereitete Motiv wird auf Folie ausgegeben und dient als Vorlage für die Belichtung. Das Sieb – ein feinmaschiges Polyestergewebe – ist zuvor auf einen stabilen Rahmen gespannt und mit einer lichtempfindlichen Emulsion beschichtet. Beim Belichten mit starkem UV-Licht härtet die Emulsion überall dort aus, wo Licht durch die Folie fällt. Die schwarzen Flächen der Vorlage blockieren das Licht, bleiben weich und werden anschließend mit Wasser oder Hochdruck ausgewaschen. So entstehen die offenen Bildbereiche, durch die später die Farbe gepresst wird.
Schon in dieser Phase liegt ein ambivalenter Reiz: Das Sieb ist zugleich Werkzeug und Grenze, es ermöglicht Sichtbarkeit, indem es andere Flächen verschließt. Diese Gleichzeitigkeit von Offenheit und Verschleierung nutzt Steidinger gezielt, um Brüche in der Wahrnehmung zu erzeugen – das Motiv zeigt, was es will, und verweigert, was verborgen bleiben soll.
Das Ritual des Druckens
Der Druck selbst ist ein Ritual aus millimetergenauer Vorbereitung. Das belichtete Sieb wird auf dem Drucktisch exakt über dem Bildträger ausgerichtet. Jeder Farbauftrag, jede Schicht benötigt ein eigenes Sieb, das wiederum präzise im Passer sitzen muss. Für mehrfarbige Arbeiten bedeutet dies einen erheblichen Mehraufwand: Jede Farbfläche wird separat belichtet, ausgerichtet, gedruckt und getrocknet.
Mit einer Mischung aus physischer Kraft und taktilem Feingefühl zieht Steidinger den Gummirakel über das Sieb, presst die Farbe durch das Gewebe. Dieser Moment ist zugleich technisch und poetisch: In einer einzigen Bewegung verbindet sich das Motiv mit dem Untergrund – und trägt meistens auch Worte, Fragmente von Gedichten, poetische Sätze als Steidinger’s typographisches erkennungsmerkmal in sich. Hier entfaltet sich die dritte Dimension seines Ansatzes: Der Siebdruck wird zum Träger von Sprache, die auf der Bildfläche nicht nur gelesen, sondern körperlich erfahren werden kann.
Vollendung und Haltung
Nach dem Druck wird jede Arbeit sorgfältig getrocknet, geprüft und bei Bedarf erneut überarbeitet. Am Ende steht ein Werk, das aus Schichtungen von Zeit, Entscheidung und Präzision besteht. Die Kraft seiner Wirkung liegt nicht nur in der Technik, sondern in der Haltung dahinter: Rebellisch im Kontrast, ambivalent im Spiel mit Sichtbarem und Verborgenem, poetisch in der Integration von Text und Bild zu einer vielschichtigen Erzählung.
